Was am neuen Sibelius neu ist…

Sibelius auf dem Touch-Screen

Unterstützung von Touch-Screens in der neuen Sibelius-Version (promotional image provided by Avid, relinked from Sibelius Blog)

Sibelius ist das dominierende Notensatzprogramm der letzten Jahre. Doch seit der Schließung des Londoner Office am Finsbury Park, in dem die Software traditionell entwickelt wurde, beäugt die Community jedes neue Ereignis gleichsam gespannt wie kritisch.

In einer offiziellen Stellungnahme von Martin Kloiber am 23. Juli 2012 heißt es:

„We are committed to earning your continued respect with every future release of Sibelius“.

Nun hat Avid auf der Musikmesse eine neue Sibelius-Version für das zweite Quartal 2015 angekündigt. Anlass also, auf den Zahn zu fühlen, wie es um das viel beschworene tiefe „Commitment to Sibelius“ steht.

In einer ersten Ankündigung „Access Sibelius In More Ways Than Ever“ vom 11. April verlautet Andrew Wild:

„What’s new — The main change is the addition of both monthly and annual subscription options.

Nachdem Adobe und Microsoft auf Abos umgesattelt haben, bahnt sich jetzt also auch Avid den Weg dahin. Das war zu erwarten. Was hat das Gutes für den Nutzer? Schnellere Veröffentlichung von neuen Funktionen — sofern diese entwickelt werden. Was hat das Gutes für den Hersteller? Größere Kundenbindung, planbare finanzielle Rückflüsse und potentiell höhere Einnahmen. Was ist daran Notensatz-technisch innovativ? Nichts.

In einem zweiten, zeitgleichen Blog-Posting namens „What’s New in the New Sibelius“ gibt Produktmanager Sam Butler weitere Details bekannt. Dabei werden eben besagte Abo-Modelle vorgestellt und fast schon beiläufig die neuen Features erwähnt. Diese sind:

  • High Res Support on Windows Devices — höher aufgelöste Windows-Bildschirme werden jetzt unterstützt.
  • Multi-Touch Support — die Benutzung von Sibelius auf dem Touch-Screen wird ermöglicht, inkl. Fingergesten oder Stiftsteuerung mittels active Pen.
  • Annotate — ein Feature zum Ziehen von Freihandlinien, hiermit lassen sich Markierungen oder grafische Notationselemente einfügen.

Das sind positive Entwicklungen, die zeigen, dass an Sibelius gearbeitet wird. Die Erweiterungen greifen den Zeitgeist auf. Avid ist bemüht. Doch nach allem, was man bisher lesen kann, bleiben es erste Ansätze, die an native Tablet-Entwicklungen wie Notion, NotateMe oder StaffPad konzeptionell nicht herankommen.

Des Weiteren ist bekannt, dass die Benutzeroberfläche von Sibelius seit der Version 7 auf dem Qt-Framework basiert. Und auch wenn alle Software-Interna von Sibelius nicht-öffentlich und damit auch die Code-Strukturen unbekannt sind, Touch-Gesten in Qt5 sind standardmäßig vorgesehen. In glücklichen Fällen – wenn die Implementierung der Software konsequent in Qt umgesetzt ist – lässt sich die entsprechende Fingersteuerung mit einer einzigen Zeile Code hinzufügen.

Man darf gespannt sein und sollte sich wohl kein finales Urteil erlauben, ehe man nicht die Trial-Version selbst getestet hat. Bei Produkt-Veröffentlichungen alteingesessener, börsennotierter Unternehmen mit einer Vorgeschichte wie Avid scheint jedoch grundsätzlich Skepsis angebracht…