Buchempfehlungen: „Mehr Transparenz wagen!“ versus „Wem gehört die Zukunft?“

Amerikanische Kontrapunkte in der Datenschutzdebatte: Jarvis' "Mehr Transparenz wagen" und Laniers "Wem gehört die Zukunft?"

Unterschiedliche Stimmen in der Datenschutz-Debatte: Jarvis‘ „Mehr Transparenz wagen!“ (links) und Laniers „Wem gehört die Zukunft?“ (rechts)

Das Informationszeitalter bringt große Chancen und Risiken mit sich: Chancen, weil nie dagewesene technologische Werkzeuge entstehen. Risiken, weil diese auch missbraucht werden können. Internetriesen behaupten keck, man trete für eine offene und vernetzte Welt ein. Die Gegenseite hingegen warnt vor der massiven Sammelwut Personen-bezogener Daten.

Die Datenschutz-Debatte wird aktuell erneut durch den NSA-Skandal und das neue Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung angeheizt. In diesem Kontext möchte ich zwei Bücher empfehlen, die ich in der Vergangenheit gelesen habe. Beide stehen eigentlich in keiner direkten Beziehung. Aber sie diskutieren IT und Social Media aus völlig gegensätzlichen Gesichtspunkten und helfen so bei der persönlichen Meinungsbildung und dem eigenen Abwägen zwischen Für und Wider.


Jeff Jarvis: „Mehr Transparenz wagen – wie Facebook, Twitter & Co die Welt erneuern“

Quadriga Verlag, Köln 2012
ISBN 978-3-869-95041-9
Gebunden, 320 Seiten, 24,99 €

Jeff Jarvis ist ein technophiler Journalist und Internetaktivist. Er lehrt an der City University of New York.
In „Mehr Transparenz wagen“ beschreibt er, welche Vorteile die Gesellschaft langfristig aus der neu gewonnenen Offenheit ziehen kann. Er wirbt für mehr Vertrauen in der täglich gelebten, digitalen Netzkultur.

Laut Jarvis werden soziale Netzwerke künftig eine noch viel größere Wirkung auf Wirtschaft und Gesellschaft haben, weil sie die aktuellen Machtverhältnisse verändern und alte Einrichtungen verdrängen, die auf Mangel und Kontrolle beruhen.

Wolfgang Michael bringt Jarvis‘ Hauptthese in seiner Buchrezension so auf den Punkt:

„(…) ‚Soziale‘ Webangebote vernetzen Menschen zu einer neuen, schnell wachsenden Beziehungsökonomie, deren Motor das Gegenseitigkeitsprinzip ist: Hilfst du mir, so helf’ ich dir. Mit Tipps, Ratschlägen, Produkten und Ansprechpartnern“


Jaron Lanier: „Wem gehört die Zukunft? – Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne. Du bist ihr Produkt.“

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2014
ISBN 978-3-455-50318-0
Gebunden, 480 Seiten, 24,99 €

Jaron Lanier ist ein umtriebiger Informatiker bei Microsoft – mit breitem Wirkungsrahmen und Interessenshorizont.
Wem gehört die Zukunft?“ führt vor Augen, auf welche Weise Konzerne durch digitale Datenverarbeitung profitieren und wie das System ggf. eines Tages kippen könnte. Lanier zeigt darin allgemein verständlich auf, wie durch den „Lockruf des Kostenlosen“ der Gesellschaft langfristig die Mittelschicht wegbrechen könnte und wie Sirenenserver Risiko und Belohnung verheerend entkoppeln.

Als Gegenansatz zu dem Konzept des bedinungslosen Grundeinkommens zeichnet der Autor seine Vision einer sogenannten „Humanistischen Informationsökonomie“, in der jeder Bürger über Mikrohonorare für Daten, die er zur Verfügung stellt, entlohnt wird. Das brächte viele Vorteile, hieße aber auch, dass in einer solchen Ökonomie viel weniger kostenlos sein würde als heute.

„Der Wert persönlicher Informationen wird erst erkennbar, wenn wir zugeben, dass er überhaupt existiert!“